Nachhaltige Stilberatung? Stilvolle Nachhaltigkeit!

Im Fashion-Dialog unterhält sich die Modeflüsterin mit der Stilberaterin Ines Meyrose darüber, wie Nachhaltigkeit und Stilberatung zusammenhängen.

Modeflüsterin trifft Meyrose: 
Ein Fashion-Dialog über „Mode als Wegwerfware“ und Alternativen zum „Schnell&Billig-Schick“

Es gibt selten Blog-Beiträge, die mich so richtig begeistern. Weil sie den Zustand der Modebranche so treffend beschreiben, dass es nicht besser geht. So geschehen im Artikel „Weg von Viel&Billig-Schick“ von Dr. Kirsten Brodde auf ihrem Blog „Grüne Mode“. Darin nimmt sie die Produktions-Überkapazitäten und die Shopping-Auswüchse unserer Gesellschaft aufs Korn. 

Dass ich nicht die Einzige bin, die sich dieses Thema zu Herzen nimmt, bemerkte ich spätestens nach einem Tweet, in dem ich den Artikel empfahl. Denn aus meinem Lese-Tipp ergab sich ein interessanter Dialog mit einer lieben Blogger-Kollegin, der Stilberaterin Ines Meyrose. So kam es, dass wir uns gemeinsam darüber Gedanken machten, wie eine so wunderbare Sache wie Mode zu Wegwerfware verkommen konnte und was man – und damit meine ich uns und andere Frauen, die Mode eigentlich lieben – dagegen tun kann. Nur Eines vorweg: Wir haben festgestellt, dass Nachhaltigkeit in der Mode auch viel mit Stilberatung zu tun hat. Hier ein Auszug aus unserem Dialog:

Modeflüsterin:

In ihrem Artikel skizziert Brodde einen Modemarkt, in dem immer mehr, schneller und billiger konsumiert werden muss, damit die Umsatzzahlen der großen Mode-Riesen stimmen. Mode ist zur „Wegwerfware“ geworden. Den Verbrauchern wird suggeriert, sie müssten nur immer wieder neue Kleidungsstücke kaufen, um vermeintlich attraktiv, cool oder glücklich zu sein. Aber dass ein übervoller Schrank nicht schöner und schon gar nicht glücklicher macht, dürfte sich herumgesprochen haben. Im Gegenteil: Viele Frauen leiden sogar unter ihrem überfüllten Kleiderschrank

Meyrose:

Da haben Sie Recht. Sie sind orientierungslos, stehen hilflos im Geschäft und wissen nicht, was aus dem riesigen Angebot zu ihnen passt. Überfüllte Onlineshops machen die Auswahl trotz Filterfunktionen auch nicht einfacher, wenn das Ziel unklar ist. Frauen möchten ihre Persönlichkeit modisch ausdrücken, attraktiv sein, wissen aber nicht wie. Sie haben eine Vorstellung davon, wie sie gerne sein möchten, wissen aber nicht, wie sie das in der Kleidung zeigen können. Wenn eine Frau zur Stilberaterin kommt, ist sie bereits mehrfach daran verzweifelt, aus der neuen Frühjahrs- oder Herbstmode in den Schaufenstern das für sie Passende herauszufiltern. Die meisten haben bereits unzählige Fehlkäufe hinter sich.

Modeflüsterin:

Und genau mit diesen Fehlkäufen und immer wieder neuen Versuchen, sich attraktiv zu stylen, geben Frauen – auch wenn sie nur Billig-Kleidung kaufen – insgesamt dann doch sehr viel Geld aus. Wenn diese Frauen zusammenzählen würden, wie viele Kleidungsstücke nicht richtig sitzen, nicht vorteilhaft wirken oder nicht zu ihrem Stil passen, würden sie erschrecken. Dafür hätten sie auch in ein paar wenige, aber hochwertigere Kleidungsstücke investieren können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich hochwertige Mode immer rentiert, da man sie über einen längeren Zeitraum trägt. Aber ich glaube auch, dass viele Frauen Angst davor haben, sie könnten altmodisch oder langweilig wirken, wenn Sie nicht ständig die aktuellen Trends tragen.

Meyrose:

Wenn Kundinnen, die viel und billig kaufen, über ein Jahr ihre Investitionen addieren und ermitteln würden, was jedes Kleidungsstück sie pro Tragen gekostet hat, würde den meisten ganz anders werden. Diese Modemathematik rechne ich bei Einkaufsbegleitungen vor, wenn ich Kundinnen von hochwertiger, langlebiger Ware überzeugen möchte. Oft erzählen mir Kundinnen dann nach Jahren, wie viel Freude sie an diesem Teil haben, wie oft sie es tragen und wie sehr sie es immer noch lieben. Die Modemathematik geht also auf. Ständige Neukäufe sind nicht erforderlich, um zeitgemäß gekleidet zu sein. Eine Garderobe lässt sich schick und aktuell halten, wenn Sie Basisteile in langlebiger Version kaufen und bei Kombinationsteilen sowie Accessoires kurzfristigere Trends aufgreifen. Die Basics Ihres Kleiderschranks sind Teile, die Sie oft und über einen sehr langen Zeitraum hinweg gerne tragen. Das können bei jeder Frau ganz andere Stücke sein. Bei sehr modischen Käufen wiederum ist es wichtig, diese in einer kurzen Zeitspanne so oft wie möglich zu tragen. Dann sind sie aufgetragen und können mit gutem Gewissen entsorgt werden. So geht zum einen die Modemathematik auf, zum anderen ist die Ware nicht vergebens mit all ihren Nebenwirkungen produziert worden.

Modeflüsterin:

Um eine Garderobe so nachhaltig aufzubauen, wie Sie das beschreiben, braucht man eine passende Strategie und viel Planung. Zudem ist ein großes Maß an Selbsterkenntnis nötig. Ich muss meinen Charakter, meinen Lebensstil, meinen Figurtyp und meine Bedürfnisse sehr genau kennen und diese quasi in Mode übersetzen können. Ganz alleine ist das für viele Frauen sehr schwierig. Auch mir selbst gelingt es ja nicht immer, das optimale Outfit zusammenzustellen. Bei anderen Frauen fällt es mir viel leichter, die Stärken und Schwächen zu erkennen. Die Stilberatung, die ich vor einigen Jahren absolvierte, hat mir sehr geholfen, mich selbst objektiver zu sehen. Vielleicht sollte jede Frau erst einmal eine Stilberatung machen, bevor sie ihre perfekte Garderobe aufbaut?

Meyrose:

Wer sich in seiner Kleidung wohl fühlt, das meiste seiner Sachen gerne und oft trägt sowie kein Bedürfnis nach Veränderung hat, braucht keine Stilberatung. Wer seine Garderobe modifizieren möchte und unsicher dabei ist, findet mit der Stilberatung optimale Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Stilberatung führt dazu, dass Frau besser weiß, was ihr steht, was sie wirklich braucht. Sie lernt, sich mit anderen Augen zu betrachten. Das vermeidet Fehlkäufe. Die Verbraucherin kann weniger, dafür hochwertigere Stücke einkaufen und diese lange tragen. Daraus ergibt sich der Vorteil einer Stilberatung: Frau sieht besser aus und spart auf lange Sicht viel Geld. Das schont Umwelt und Portemonnaie. Wie so oft ist ökologisch sinnvoll auch ökonomisch besser!

Modeflüsterin:

Dann wäre zusätzlich auch eine Einkaufsbegleitung sinnvoll. Denn ich glaube, dass viele Frauen unsicher sind, ob ein Kleidungsstück hochwertig verarbeitet ist oder das Material eine besondere Qualität hat. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich zu wissen, wie die Sachen produziert werden. So können viele Frauen die besondere Handwerkskunst von Designern, Stoffproduzenten, Schnittmachern und Schneidern gar nicht mehr wertschätzen. Dann entscheidet über die Wertigkeit eines Kleidungsstücks nur noch die Werbung, die es natürlich mit emotionalen Werten auflädt. Diese sind schwer zu beweisen – oder zu widerlegen. Überhaupt scheint für mich das Thema Nachhaltigkeit sehr viel mit Wertigkeit zu tun zu haben. Da kommen mir die guten alten Werte, wie Haltbarkeit, Qualität und Pflege in den Sinn.

Meyrose:

Nicht umsonst ist das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde, spätestens seit durch die Folgen der letzten Wirtschaftskrise viele Menschen in ihren Grundfesten erschüttert wurden. Werte und Wertschätzung bekommen eine neue Bedeutung. Dazu gehört auch der Umgang mit den Ressourcen unserer Welt. Die Aufklärung der Verbraucher ist sinnvoll, weil viele Kundinnen gar keine Ahnung haben, was woher kommt und welche Rohstoffe und Handarbeit in Materialien bzw. fertigen Kleidungsstücken stecken. „Handmade in Italy“ bei Lederwaren hat Ansehen – aber die Jeans im mittleren Osten werden auch von Hand gefertigt. Die Frage ist, wie dort gearbeitet wird. Als Stilberaterin zeige ich der Kundin, woran sie an einem Kleidungsstück die Herkunft und Zusammensetzung erkennt. Ich informiere sie über Hersteller, die möglichst nachhaltige Mode anbieten. An konkreten Teilen zeige ich auf, woran Qualität in der Verarbeitung zu erkennen ist, z.B. an vernähten Fäden, wellenfreien Säumen, eingefassten Kanten und der Haptik des Stoffs. Um die Wertigkeit des Stücks zu erhalten, gebe ich Tipps zur Pflege und Reinigung.

Modeflüsterin:

Das ist ein sehr umfangreicher Service, der eine besondere Kompetenz voraussetzt. Wie findet man denn eine gute Stilberaterin, die das alles kann? Haben Sie da einen Tipp? Ich werde oft von meinen Leserinnen gefragt, woran man die Qualität einer Stilberaterin erkennt. Einige haben sogar schon eine Beratung hinter sich, die nicht das gewünschte Ergebnis gebracht, sondern noch mehr Ratlosigkeit zurückgelassen hat. Wie sollte man bei der Suche vorgehen?

Meyrose:

Eine gute Stilberaterin erkenne ich daran, dass sie meine Bedürfnisse für die Beratung erkennt und mit mir gemeinsam das Beratungsziel und dessen Erfüllung erarbeitet. Das gleicht einem Coaching-Prozess, den Sie vielleicht aus Ihrem beruflichen Kontext kennen. Referenzen sind hilfreich. Wenn Sie sehen, wer zu den Kunden der Beraterin gehört, können Sie einschätzen, ob sie zu Ihnen passt. Stilberaterin ist kein geschützter Titel und kein Lehrberuf. Stilberaterin wird man durch Weiterbildungen, Interesse und Talent. Ob Sie eine Stilberaterin wählen, die aus dem Modebereich kommt oder beispielsweise aus der kaufmännischen Richtung, hängt vom Beratungsziel ab. Wenn es um berufliches Styling und Ihre Wirkung geht, ist jemand mit Erfahrung aus ähnlichem Umfeld vorteilhaft. Wenn Ihnen Schnittdetails und Proportionen wichtiger sind, kann eine Schneiderin genau die passende Beraterin für Sie sein. Diese Informationen können Sie vorab im Internet finden und am Telefon oder per E-Mail näher klären. Ich empfehle ein Telefonat, weil Sie dabei einen weiteren Sinneskanal nutzen und die Sympathie spüren können. Denn auch die ist wichtig – Kleidung ist ein sehr intimer Teil des Menschen.

Modeflüsterin:

Mode ist eben nicht nur reine Äußerlichkeit, sondern hängt eng mit Persönlichkeit und Werten eines Menschen zusammen. Umso schwieriger ist es, in diesem Bereich etwas zu ändern. Ich glaube nicht, dass mehr Nachhaltigkeit in der Mode mit dem erhobenen Zeigefinger zu bewirken ist. Frauen wollen einfach gut aussehen, sich selbstbewusst und schön fühlen. Es kann daher nur auf ein „weniger, aber dafür intelligenter und besser“ hinauslaufen. Dazu müssen die Konsumentinnen jedoch aufgeklärt sein: Sie sollten wissen, was ihnen wirklich steht und was sie wirklich brauchen. Sie sollten die Wertigkeit von Kleidung wieder richtig einschätzen können. Und sie sollten sich nicht mehr von der Mode- und Medienbranche verunsichern lassen. Wir brauchen selbstbewusste, informierte und konsequente Konsumentinnen. Eben richtig starke Frauen.

Meyrose:

Ich verfolge da die Politik der kleinen Schritte. Jeder nicht gemachte Fehlkauf, jedes nicht gekaufte Teil und alle intelligent gekauften Lieblinge tragen ihren Teil zu einer besseren Modewelt bei, zu denen Frau sich dann selbstbewusst und voller Freude bekennen kann.

Haben wir Sie mit diesem Einblick in unseren Dialog zum Nachdenken gebracht? Wir freuen uns auf Ihre Gedanken dazu hier, im Blog der Modeflüsterin oder bei Ines Meyrose.

10 Kommentare

  1. Fischer, Renate

    So ein toller Dialog – Kompliment an Sie beide!!!
    Auch mir sind schon etliche Fehlkäufe passiert, die aber erheblich weniger geworden sind, seit ich Ihre tollen Blogs lese. 😉
    Ich schaue viel gezielter, kaufe überlegter und fühle mich wohl dabei!

    Liebe Grüße an Sie beide
    Renate

    • Modeflüsterin

      Lieben Dank, Renate!
      Ihr Kompliment und Ihre Grüße werde ich gerne an Frau Meyrose weiterleiten.

      Bis bald und herzliche Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  2. Liebe Renate,

    herzlichen Dank für Ihr Kompliment!
    Es freut mich, wenn wir dazu beitragen, dass Sie Ihren Kleiderschrank mit mehr Lieblingsteilen und weniger Fehlkäufen bestücken.

    Viel Erfolg auf dem weiteren Weg damit wünscht Ihnen
    Ines Meyrose

    • Fischer, Renate

      Ich bedanke mich und freue mich auf jeden Beitrag von Ihnen beiden!

      LG – Renate

  3. Ich bedanke mich! Zum einen für den sehr interessanten Dialog und dann natürlich für den tollen Lesetipp. Habe das „Grüne Mode“-Blog gleich mal in meine Favoritenliste gesetzt. 🙂

    Ein bisschen gruselt’s mich vor dem Begriff „Modemathematik“… *seufz* Aber selbst mir als Mathe- und Zahlenhasserin ist klar, dass genau das der springende Punkt ist. Beschäftige ich mich also mit der Modemathematik. 😉

    Lieben Gruß
    Anna

    • Modeflüsterin

      Hallo Anna,

      freut mich sehr, dass wir Ihnen hier eine kleine Anregung – und neuen Lesestoff – geben konnten!

      Das mit der Mathematik muss man ja nicht so genau nehmen – also der Besuch einer Boutique ohne Taschenrechner ist immer noch möglich… 😉

      Herzliche Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  4. Hallo Stephanie,
    ich bin gerade bei der Suche nach Blogs, die über nachhaltige Mode schreiben, auf die Modeflüsterin aufmerksam geworden und habe diesen Beitrag mit Interesse gelesen. Als männlicher Gründer eines Labels versuche ich auch für unsere Aufstellung daraus etwas zu ziehen. Würde mich freuen, wenn es in Zukunft noch öfter um Themen wie diese ginge.
    Schöne Grüße
    Florian

    • Modeflüsterin

      Hallo Florian,

      freut mich, dass Ihnen der Artikel so gut gefallen hat! Ich finde das Thema Nachhaltigkeit gerade in der Mode sehr wichtig und hoffe, dass sich das Bewusstsein diesbezüglich noch ändern wird. Daher wünsche ich Ihnen viel Erfolg mit Ihrem neuen Label!

      Herzliche Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  5. Hallo,
    Ich bin eben erst über diesen tollen Artikel gestolpert.
    Aktuell suche ich nach Schuhen, die mehr als eine Saison halten. Nachdem mir meine 200€ Winterstiefel nach 2 Wochen kaputt gegangen waren habe ich endgültig genug.
    Klassische Rahmengenähte Business-Schuhe habe ich gefunden, was mir jetzt noch fehlt sind qualitativ hochwertige Sling-Pumps oder andere Bürotaugliche Sommerschuhe. Irgendwie empfinde ich fast alle nur als billig.

    Liebe Steffi, wo finde ich nachhaltige Sommerschuhe? Und woran erkenne ich sie dann?

    Viele Grüße
    Simone

    • Modeflüsterin

      Liebe Simone,

      das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Da ich selbst eher schwierige Füße habe und ich für mich meine Schuhmarken gefunden habe, bei denen die Passform stimmt, ist es kaum möglich, diese individuellen Erfahrungen zu verallgemeinern. Aber wenn Du wirklich in einen guten Schuh investieren möchtest, dann erkundige Dich doch mal nach Maßschuhen. Diese werden speziell für Deinen Fuß handgefertigt und halten jahrelang. Die Preise sind zwar höher, aber dafür erhält man auch einen Top-Schuh.
      Ich hoffe, Du wirst fündig!

      Liebe Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

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