Von Mikro-Miniröcken und Mode-Sünden

Die Beine von Marlene Dietrich

"Marlenes Beine" Stephanie Grupe 2012, iPad-Zeichnung.

Neulich beim Edel-Italiener: Zwei Frauen und ein kleiner Junge bahnen sich den Weg durch das Lokal zu ihrem Tisch. Beide Frauen sind sehr, sehr schlank und groß. Beide Frauen sind beinahe gleich angezogen. Sie tragen ein ärmelloses Mikro-Minikleid in leichter A-Form ohne Strümpfe und mit halsbrecherischen High Heels. Twiggy lässt grüßen. Alle Personen im Restaurant drehen die Köpfe und verfolgen das Schauspiel – teils bewundernd, teils ungläubig, teils missbilligend. Die eine der Frauen scheint Mitte 40 zu sein, ein ehemaliges Model vielleicht. Die andere Frau ist offensichtlich ihre Mutter.

Schockiert oder alles ganz normal?

Rechnen Sie jetzt noch oder sind Sie schon schockiert? Oder finden Sie alles ganz normal? Stellen Sie sich jetzt gerade vor, wie wohl eine Frau in ihren 60er Jahren mit einem Mikro-Minikleid aussieht? Ich könnte es Ihnen in diesem Fall beschreiben, möchte hier aber nicht unhöflich werden.

Gibt es eine Grenze für guten Geschmack und wer definiert diese?

Für mich ist diese Situation ein Schlüsselbild: ein Beispiel dafür, wie fließend die Grenze zwischen individueller Ausdrucks-Freiheit und einem stilvollen Auftritt sein kann. Zum einen bin ich eine Verfechterin des modischen Liberalismus. Jede Frau hat das Recht, sich so anzuziehen, wie sie sich wohl fühlt und wie sie ihre Persönlichkeit ausdrücken möchte. Zum anderen gehört zum gesellschaftlichen Zusammenleben auch immer eine gehörige Portion Respekt und Rücksichtnahme – sprich: ein notwendiges Maß an Anpassung an gesellschaftliche Regeln. Da es kein Mode-Gesetz gibt, sind allerdings Grenzüberschreitungen im modischen Bereich nur sehr schwer festzumachen und im Zweifelsfall vom subjektiven Empfinden des Betrachters abhängig. Kann das Auge eine Beleidigungsklage einreichen? Und wenn ja, auf welcher mehrheitlich demokratisch festgelegten Grundlage sollte das entschieden werden?

Brauchen wir Mode-Zensur und eine Fashion-Polizei?

Sie sehen, in diesem Bereich gibt es weit mehr Fragen als Antworten. Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto schwieriger wird es, Stellung zu beziehen. Wer sollte Frauen über 60 Jahren das Tragen von Mikro-Minis verbieten? Oder liegt die Mini-Grenze vielleicht schon bei 30, 40 oder 50 Jahren? Dann könnte sich Madonna sofort zur Ruhe setzen… Allerdings habe ich auch schon 20-Jährige gesehen, die besser keine Minis tragen sollten. Wenn ich mich auf der Straße umsehe, entdecke ich so viele vermeintliche Mode-Sünden, aber keine Fashion-Polizei – zumindest keine mit staatlicher Lizenz. Wer sich also nicht nur auf seinen eigenen Geschmack verlassen möchte, blickt auf die Stil-Päpste und –Päpstinnen der Mode-Szene. Diese definieren die „Dos und Donts“ für jede Saison neu, abhängig von Trends und ästhetischem Zeitgeist. Das finde ich ebenfalls nur begrenzt hilfreich. Insbesondere wenn dadurch ein Modediktat entsteht und ich mich jede Saison neu einkleiden müsste, um diesem zu entsprechen. Alles was dem Wort „Diktatur“ ähnelt, ist mir ohnehin suspekt – wie im Übrigen alles, was „herrscht“ und dem man sich „beugen“ muss.

Ist das persönliche Wohlgefühl der Maßstab aller Dinge?

In einem Interview der Zeitschrift InStyle (Ausgabe Juni 2012) antwortet Madonna auf die Frage, wie lange Frauen sexy Outfits tragen können: „Solange sie sich selbst darin wohlfühlen.“ Und Fashion Director Marcus Luft, der sich in seinem Style-Blog in der Zeitschrift Gala (vom 05.07.2012) mit dem Thema „Altersgrenze für Miniröcke“ auseinandersetzt, meint dazu: „Es gibt schließlich für jedes Alter, jede Figur, jeden Typ und jedes Level an Selbstbewusstsein die passende Kleidung. Man muss sich einfach fragen, in welchen Klamotten man sich wohl (und somit gut) fühlt. Was das Umfeld sagt, ist da zweitrangig.“

Was ich davon ableite? Dass Mode und Stil eben eine sehr komplexe Mischung sind. Dabei spielen Variablen, wie Alter, Stil-Typ und der Wille, Mode als eine Ausdrucksform für persönliche Individualität zu nutzen, eine wesentliche Rolle. Und kommt man dabei an die Grenzen des so genannten guten Geschmacks, entscheidet allein das Selbstbewusstsein der Trägerin darüber, ob und wie stark sie sich den gerade geltenden Stil-Regeln widersetzt. Im schlimmsten Fall ist es dann eben das Selbstbewusstsein, die Kritik und Missbilligung des Umfeldes zu ertragen – und sich dabei immer noch wohl zu fühlen.

Sollte gutes Styling Kraft kosten oder Kraft verleihen?

Ich selbst habe schon vor einiger Zeit entschieden, keine Mini-Röcke oder Shorts mehr in der Öffentlichkeit zu tragen. Das war kein plötzlicher Entschluss. Die Kleidungsstücke, die sehr viel Bein zeigen, haben sich einfach allmählich aus meinem Kleiderschrank verabschiedet. Nach dem Vorbild der natürlichen Auslese haben „stärkere“ Kleidungsstücke das Terrain übernommen – Kleidung, die meiner Figur schmeichelt, sich an meinem Körper gut anfühlt und mir keine Selbstzweifel, sondern Freude bereitet. Ich finde, Kleidung sollte keine Kraft kosten, sondern Kraft verleihen. Die frei werdende Energie kann ich sehr gut für andere schöne Dinge im Leben einsetzen…

Was denken Sie über eine Altersgrenze für Miniröcke und Modediktate? Das würde mich wirklich interessieren!

10 Kommentare

  1. Fischer, Renate

    Ich finde, es gibt nichts Dümmeres, als sich im reiferen Alter auf „jung“ zu trimmen.
    Man erreicht eher dadurch das Gegenteil und wirkt nur noch lächerlich.

    LG -Renate

    • Modeflüsterin

      Hallo Renate,

      ich halte mich immer sehr zurück, über den Geschmack anderer Menschen zu urteilen. Natürlich sehe ich auch so manche Outfits, die ich persönlich als grenzwertig empfinde. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein gelungener individueller Stil niemals zu jung oder zu alt sein kann – im Idealfall ist er nämlich zeitlos.

      Herzliche Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  2. Fischer, Renate

    Hallo Stephanie, ich meine den Stil, den du auch als grenzwertig empfindest…
    Nichts gegen einen zeitlosen, individuellen Stil!!!

    LG Renate

    • Modeflüsterin

      Liebe Renate,

      ja, das hatte ich auch so interpretiert 🙂

      Schönen Abend noch!
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  3. Ich denke, das hier ist ein freies Land und jeder kann sich nach Kräften anscheußeln, wie es ihm gefällt.
    Allerdings versuche ich, mir manche modische Geschmacklosigkeit (die durchaus nicht nur bei älteren Leuten vorkommt) als abschreckendes Beispiel vor Augen zu führen. So kann ich selbst aus einem unschönen Erlebnis („Wieder was Hässliches gesehen!“) einen Nutzen ziehen („Wieder was Wichtiges gelernt!“).

    Ein Problem ist aber auch, dass erstens die Modeindustrie natürlich nicht sagt:
    „Das hier steht dem und dem Figurtyp oder oder der und der Altersgruppe!“
    Sondern: „Das hier ist toll! Das musst du kaufen!“

    Und zweitens geben Familenangehörige und Freunde fast nie ehrliche Moderatschläge.
    Immer wieder sehe ich folgende Situation im Bereich von Umkleidekabinen:

    Käuferin: „Steht mir das?“
    Partner/Freundin/Mutter: „Ja, das sieht toll aus!“

    In 90 % der Fälle sieht es überhaupt nicht toll aus. Dann hat man das Gefühl, die Begleitperson ist entweder zu faul, mit der Käuferin zu diskutieren, oder zu feige, um negative Emotionen heraufzubeschwören, oder hat einfach keine Ahnung. Bei den Ehemännern denkt man außerdem, die sagen nur, dass es toll aussieht, damit die Frau endlich etwas kauft und kein Geld mehr hat, sodass der Einkaufsbummel vorbei ist. Warum die überhaupt mitkommen? Das frage ich mich da ernstlich.
    Eigentlich müsste man denen gleich eine Visitenkarte der Modeflüsterin in die Hand drücken …

    Drittens ist zu bedenken, dass es auch ganz wenig altersgerechte, schicke Kleidung gibt für Frauen, die keine Standardmaße haben. Ich versuche gerade, meine Garderobe auf „Mittelalter“ umzustellen und es ist nicht möglich, einen schlichten, dunklen, knielangen Teller- oder Bleistiftrock in meiner Größe zu finden. Einen schlichten, dunklen Minirock in meiner Größe finde ich dagegen sofort und in vielen Geschäften.

    • Modeflüsterin

      Liebe Silva,

      das Thema „altersgerechte Kleidung“ ist immer heikel und wird immer sehr kontrovers diskutiert. Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden und kann leider – wie Du sagst – nicht immer auf den Rat von Freunden oder Familie vertrauen. Vielleicht kann man sich diesem Thema annähern, indem man weniger von altersgerechter Kleidung, sondern von vorteilhafter Kleidung spricht. Denn wenn sich eine Frau vorteilhaft anziehen möchte, wird sie automatisch darauf achten, keine Körperzonen frei zu legen, die zu ihrem Nachteil gereichen könnten… Und wenn sie sich in erster Linie nach Lust und Laune anziehen möchte – ohne Rücksicht auf „Vorteilhaftigkeit“ und vielleicht sogar auch mal mit dem Mut zur Hässlichkeit – dann wird sie bei „altersgerechter“ Kleidung verständnislos die Nase rümpfen. ist eben dann doch Typsache 😉

      Liebe Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  4. Liebe Stephanie,

    ich lese die Modeflüsterin noch nicht lange (einige Wochen), aber dafür mit vehementer Begeisterung, und habe hier endlich eine Plattform gefunden, dank derer ich mich dem Thema Kleidung habe nähern können – denn ich möchte gut angezogen sein, aber Mode interessiert mich so gar nicht. Die Szene, die Du dagegen beschreibst, scheint mir so das genaue Gegenteil zu sein, oder? Trotzdem ist es irgendwie delikat, über Angemessenheit von Kleidung zu diskutieren, sei es hinsichtlich des Alters, der Figur, der Größe… denn irgendwem gefällt es ja immer nicht, wenn jemand sich modisch was traut. Ich persönlich kann mit „zuviel Haut“ nichts anfangen und zwar unabhängig von den oben genannten Faktoren, ich mag es einfach weder an mir selbst, noch an anderen, egal wie modelmäßig sie aussehen. Dennoch finde ich es (gesellschaftspolitisch) toll, dass sich bei uns im Prinzip jeder so nackig anziehen kann, wie er will. Oft bewundere ich auch den Mut, den es braucht, um sich „anders“ zu kleiden, auch wenn es mir ästhetisch nicht zusagt. Die Balance zwischen Individualität und Anpassung spiegelt sich halt auch in diesem Thema wider und vermutlich trifft jede/r jeden Tag wieder die Entscheidung, wo auf dem Spektrum er/sie sich gerade am wohlsten fühlt. Alles in allem ein komplexeres Thema, als man vielleicht meint, und wie immer ein sehr schön geschriebener Artikel dazu!

    Viele Grüße
    Emma

    • Modeflüsterin

      Liebe Emma,

      ja, genau, das ist es: komplex. Ich habe natürlich auch meine ganz eigenen Grenzen, was das Ausmaß an nackter Haut an anderen Menschen angeht. Das hängt für mich dann mehr mit Rücksichtnahme zusammen – gerade in Situationen, in denen man sich unweigerlich recht nahe kommt oder nicht ausweichen kann (Flugzeuge, Züge, Büros etc.). Wenn ich allerdings darüber nachdenke, wie sehr viele Frauen auf dieser Welt in ihrer freien Kleiderwahl eingeschränkt werden, dann macht mich das ganz wütend. Dann würde ich auch einen nackten Protest dagegen sofort für legitim erklären…

      Liebe Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

  5. Ich denke, dass es eine große Rolle spielt, wie man sich selbst sieht und darstellen möchte.
    Einige Paradiesvögel können sehr erfrischend wirken, auch wenn ich das (ausschließlich für mich selbst) ablehne und so gar nicht in diesen Bereich gehöre.
    Aber selbst wenn ich im ersten Moment den Kopf schüttle, denke ich gleich darauf, wow was für ein Mut und finde es witzig.
    Was ich durchaus nicht witzig finde, ist oft unglaubliche Geschmacklosigkeit, die man nicht zu selten auf den Straßen sieht.
    Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Wenn eine 20 Jährige ihr mehr als ausladendes Hinterteil in Hotpants quetscht und so durch die Stadt läuft oder wenn eine ältere Frau ihre meist nicht mehr so tadellosen Beine in superkurzen Miniröcken zur Schau stellt, dann finde ich das gleichermaßen eine Zumutung für die Mitmenschen aber auch sehr schade für die Trägerin selbst. Vielleicht ist sie ein sehr wertvoller Mensch, aber niemand kann mir erzählen, dass er beim Betrachten solcher Modesünden keine negativen Gefühle hat.
    Man sagt ja nicht umsonst, es gibt kaum eine Chance für einen ersten schlechten Eindruck.
    Es ist auch nicht immer so, dass diese Menschen es nicht besser wissen, manchen ist das schlicht egal und sie sind echt der Meinung, sie könnten das gut so tragen. Man soll zwar nicht überstreng mit sich sein, aber ein ganz klein wenig kritische Selbsteinschätzung würde manchen gut tun.
    Übrigens finde ich, gilt das genauso für Männer. Egal wie schlank sie sind, als gereifter Mann mit kurzen Hosen in der Stadt rumzulaufen, finde ich den Höhepunkt der Geschmacklosigkeit.
    Man sollte sich immer klar machen, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich am Strand oder in meinem Garten bin oder ob ich durch die Stadt laufe.
    Aber das alles ist mein ganz persönliches Empfinden. Jeder Mensch hat das Recht es anders zu empfinden oder zu leben.
    Übrigens kann ich so gar nicht verstehen, wenn Angehörige nicht ehrlich ihre Meinung sagen.
    Ich gehe sehr gern mit meiner Schwester einkaufen, denn wenn sie sagt, dass es gut aussieht, weiß ich hundertprozentig, dass es stimmt. Oder sie sagt mir ihre Kritikpunkte. Genauso mache ich es bei ihr. Wäre das anders, würde ich lieber allein gehen.
    Auf Verkäuferinnen (selbst in den edelsten Geschäften) kann man sich in der Regel überhaupt nicht verlassen. Meist wollen die als Hauptsache verkaufen und reden einem alles schön, obwohl ich selbst sehe, dass es weder paßt noch mir steht.
    Die Exemplare von Verkäuferinnen, die einen gut und ehrlich beraten, sind Gold wert aber leider sehr, sehr selten.
    Umso dankbarer bin ich für solche Beratungen wie von Dir, liebe Stephanie und die vielen wertvollen Tipps.

    Herzliche Grüße
    Britt

    • Modeflüsterin

      Liebe Britt,

      eine wertschätzende, aber ehrliche Meinung beim Mode-Einkauf ist Gold wert! Und tatsächlich leider nur sehr selten zu finden. Da hast Du viel Glück, dass Du Deine Schwester hast, mit der Du Dich austauschen kannst. Genieße es!

      Herzliche Grüße von
      Stephanie alias die Modeflüsterin

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